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Rhade im Dreißigjährigen Krieg Die Pest 1635

Die Leiden der Rhader Bauern nahmen kein Ende. Nach dem grossen Brand von 1633
zogen die Hessen in unregelmässigen Abständen durch die Dörfer und Bauernschaften.
1634 eroberte der hessische General Melander Borken. Im Schadensverzeich nis von
Rhade heisst es: "Anno 1634 nach der Eroberung der Stadt Borken, die Kirche
ausgeplundert, Kühe und Schafe und Schweine geschlachtet und alle Kornfrucht
abgedroschen, daß also der Schade liederlich gesetzt worden ad 500Rhtl." 1635 waren es nicht die Hessen, sondern die Franzosen.

Im Schadensverzeichnis steht: "Anno 1635 die Franzosischen Volker daselbst 7
Wochen logiert, alle Haußer ruiniert, etliche verbrandt, hinterlaßend giftige Krankheiten und Blutgangs (Ruhr) und nicht allein treff der Menschen sondern das Vieh, alles getrat (Korn) verdorben, daß also dieser Schaden nicht aigentlich gesetzt werden kann, wird dochgerings gesetzt off 2000 Rhtl."

In dieser kurzen Schadensmeldung ist so viel Not und Elend, daß einem die Worte
fehlen. Als Krankheit stehen dort Pest und Blutgangs (Ruhr).

"Erzittere Welt, ich bin die Pest und komm in alle Lande!" So rief der schwarze Tod durch die engen Gassen der Städte und Strassen der Dörfer. Die "Pest des Justinian", die von 531 bis 580 wütete, soll die Hälfte alle Bewohner Europas getötet haben.

Von 1347 bis 1350 kam die nächste Pestwelle von China oder Indien über die
Mittelmeerhäfen und Verkehrswege durch Europa nach Deutschland. Sie brachte 25
Millionen Menschen den Tod. Die Astrologen machten die Stellung des Saturn für den Ausbruch der Pest verantwortlich. Die Christen sahen in der Pest die Heimsuchung Gottes für ihre Sünden. Die frühesten Nachrichten aus unserer Gegend stammen aus dieser Zeit.
Das Memorienbuch der Kirche von Recklinghausen berichtete damals: "Im
Jahre 1350 herrschte um Fronleichnam eine grosse Pestseuche in der Pfarre
Recklinghausen."

Auch Dorsten wurde von der Pest in Mitleidenschaft gezogen. Ein sichtbarer Beweis dafür ist die Gründung der Bruderschaft Beatae Mariae Virginis zu Dorsten. Die Bruderschaft war am Tage Mariae Himmelfahrt 15. August 1350 auf Anregung des Dorstener Pfarrers Bartholomäus ab Huxeren und einiger Männer anläßlich der einer Pestepedemie errichtet worden. Ihre Mitglieder suchten im Gebet Schutz vor dem Schrecken dieser tückischen Krankheit.
Die Namen der verstorbenen Brüder waren in einem Register festgehalten.

Die Jahre 1587, 1598 und 1599 sind als schlimme Pestjahre für Dorsten überliefert. In diesen Jahren haben wir auch einzelne Fälle in Altschermbeck und Lembeck.

Ein Zeitgenosse berichtet 1635, daß die Hofsleute von einer abscheulichen Krankheit heimgesucht wurden und durch die Kriegsfeldjäger um das Korn gekommen waren. Sie hatten sich zur Salvierung (Rettung) ihres Leibes und Lebens in die Städte, in Sträucher, Büsche, bei Edelleuten in Schuppen und Mistställen verkrochen und ihr Haus und ihre Habe den Soldaten preis gegeben. Die Bürger in den Städten wollten ihenen bei eigener Armut nichts mehr borgen; ein Teil der Bauern musste ihre Kinder zum Betteln in die Stadt jagen.
Das Vieh hatten sie verloren oder mit schwerem Geld loskaufen müssen.
Die Not war unbeschreiblich und wollte kein Ende nehmen. Anno 1636 waren es wieder die Hessen.
Als hessische Truppen von Dorsten nach Ottenstein zogen, entstand ein Schaden von 100 Rhtl.

1641 änderten sich die Machtverhältnisse im Dorstener Raum grundlegend. Der
Kaiserliche Feldmarschall von Hatzfeld erschien mit einem starken Heere vor der Stadt und eroberte sie nach zweimonatiger Belagerung. Nachdem 30 schwere Geschütze Tag um Tag die Fesrungswerke beschossen hatten, räumte die Besatzung am 19. September die Stadt Dorsten.
Für Rhade war das keine Befreiung. Im Schadenverzeichnis steht: "Anno 1641 durch die Belagerer von Dorsten hat das Kirchspiel durch abrnten des Kornes einen Schaden von 1500 Rhtl. gehabt." Der Herr von Lembeck bat den Fürstbischof um Lebensmittel für die Bürger der Herlichkeit.

Die Schadenlisten zeigen nur dürre Zahlen.
Wer aber zählt, was dahinter steht an Blut und Tränen, an Schreckens- und
Schmerzschreien, an Hunger und an Seuchen, an Angst und Verzweiflung, an Qual und Leid, an Not und Tod?

Wieviel Rhader Männer, Frauen und Kinder an der Pest gestorben sind, ist nicht
bekannt. Kirchenbücher und sonstige Aufzeichnungen aus dieser Zeit gibt es nicht.

(Quellen: Westf. Archivamt L Nr. 639 Sig L 205; Forschen und Wissen "Der schwarze Tod - Geißel für die Armen" von Friedrich Deich; Bau- und Kunstdenkmäler Kreis Recklinghausen 1928; Vestische Zeitschrift 52. Band 1950; Wilhelm Schwiderek)